August Sander, Michael Somoroff Absence of Subject 16.01.2016 — 05.03.2016

Jungbauern_Web
16.01.2016 — 05.03.2016

In Zusammenarbeit mit der Galerie Julian Sander, Bonn

Frankfurter Allgemeine Zeitung, am 13.02.2016 anlässlich des Düsseldorfer Photo Weekend


[…] Die Schatten von August Sander
Bei Ruth Leuchter zeigt der New Yorker Porträtfotograf Michael Somoroff eine Hommage an August Sander. Seine Würdigung kommt genau ohne die Motive aus, die den deutschen Fotopionier am Beginn des 20.Jahrhunderts bekannt machten: seine eindringlichen Bilder von Menschen, von Arbeitern, Bürgerkindern, Artisten oder einem korpulenten Konditor. Somoroff hat Sanders Porträts als Vorlagen genutzt, sie reproduziert – und die Personen in den Fotografien entfernt. Bei näherer Betrachtung entfalten die von ihren zentralen Objekten befreiten Fotografien einen unerwarteten Reiz: Nicht nur lenken sie den Blick auf die – bei Sander zweitrangige – Umgebung, sondern vor allem auf das, was gerade durch die Abwesenheit auf sich aufmerksam macht – die Menschen. Sie bleiben das Zentrum der Bilder, und sie sind mitunter noch als leiser Schatten oder als minimaler Umriss zu erahnen. Somoroff schafft stille Meditationen über die – nur scheinbar völlig ausgedeutete – Position historischer Fotografie und gibt ihr so eine neue Aktualität. (Arbeiten von Somoroff, Auflage 5+1AP, 2200Euro; Fotografien von Sander auf Anfrage; bis zum 5.März.)[…]


(Magdalena Kröner: Veränderter Blick auf die Welt. Ein fotografisches Tagebuch, Bilder mit Leerstellen, Architektur als Spektakel: Das Duesseldorf Photo Weekend hält manche unerwartete Begegnung bereit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 13. Februar 2016, Nr. 37, Seite 13.)


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Michael Somoroffs Werkreihe Absence of Subject entstand in Anlehnung und als Hommage an die Fotoarbeiten des legendären August Sander und ist eine nachdenkliche wie leidenschaftliche Betrachtung von Erinnerung, Vorstellung, menschlicher Widerstandsfähigkeit und Kreativität.


Nach gelungenem Aufstieg vom gewöhnlichen Studiofotografen zum Künstler wird Sander als bedeutendster deutscher Porträtfotograf des frühen 20. Jahrhunderts bezeichnet. Sein 1929 veröffentlichtes Porträt der deutschen Gesellschaft unter dem Titel Antlitz der Zeit geht in seinem Lebenswerk Menschen des 20. Jahrhunderts auf. Antlitz der Zeit versammelte zunächst eine Auswahl von 60 Personenporträts, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft der Weimarer Republik zeichnen sollte. Sander, der streng auf eine unpolitische Haltung bedacht war, unternahm den Versuch einer umfassenden fotografischen Studie aller Berufsgruppen und Klassen, die gemeinsam die nationale Sozialstruktur der Jahre unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg wiedergeben sollten. Er legte Kategorien zur Aufteilung der Bevölkerung fest und suchte anhand derer nach repräsentativen Modellen, sodass die entstandenen Bilder nach Sanders Verständnis eher Rollenbeispielen entsprechen als Porträts von Individuen.


Sanders Modelle posieren in Würde, da er sie alle respektvoll und gleich behandelt hat. Jedes von ihnen hat einen Platz in der sozialen Struktur und gemeinsam bilden sie ein komplexes Bild einer vielfältigen Gesellschaft. Sanders ambitioniertes Projekt ist grundlegend für unser Verständnis des Mediums Fotografie und setzt einen Standard für bewegend einfache Sichtweisen, an denen andere Porträts sich messen müssen. Seine fotografische Welt basiert auf den konkreten Details aus dem Leben seiner Modelle, die er in ihrem Arbeitsumfeld zeigt – dieses Umfeld soll das einzige bleiben, das Somoroff in seinen Arbeiten übrig lässt.


Somoroff hat in jedem der Bilder Sanders die Personen entfernt und ließ nur den Hintergrund stehen. Einem scheinbar begrenzten Tatbestand hat Somoroff somit grenzenlose Freiheit verschafft. Mittels eines geistreichen technischen Ansatzes bezogen auf die unbewegten Fotografien sowie die Geschichten dahinter schafft er eine Erzählung zwischen Zeit und Raum. Somoroffs Bilder lehren uns, dass Sanders Bildhintergründe eine größere Rolle spielen als zunächst angenommen. Sie verbessern unser Verständnis dafür, wie wichtig die dargestellte Umgebung für den Erfolg der Porträts ist. Zum Beispiel fällt die geckenhafte Pose der Jungbauern mit ihrer arroganten Gestik sowie den lässig getragenen Hüten und Gehstöcken gerade wegen des Kontrastes zum dreckigen Feldweg auf; eine urbane Kulisse würde das in dieser Form nicht erreichen.


Weit mehr als Medien wie der Malerei wurde der Fotografie zunächst die Fähigkeit zugesprochen, Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Mit ihrer Erfindung begann die visuelle Katalogisierung der Welt. In den letzten Jahrzehnten, besonders seit Beginn der Postmoderne, gelangte man aber zu der Erkenntnis, dass Wahrheit und Realität in der Fotografie Konzepte verschiedenartiger Bedeutung sind. Somoroff erforscht diese Auffassung. Im Gegensatz zu Geisterfotografen des 19. Jahrhunderts, die als Zeugnis, dass die Verstorbenen noch unter ihnen weilen, in der Dunkelkammer geisterhafte Gestalten zu den Fotografierten hinzufügten, begegnet Somoroff der Thematik des Verlusts durch dessen Erzeugung. Er entfernt etwas, das für Kenner von Sanders Kunst vertraut ist. Seine scheinbare Respektlosigkeit mag auf Unmut treffen, doch bietet sie die Möglichkeit des Vergleichs von Anwesendem und Abwesendem, um so die Erfahrung von Verlust zu erzeugen, was Fotografie nur selten gelingt. Doch selbst nach Auslöschen der Figuren durchdringt ihre Präsenz die Bilder.


Weder in August Sanders noch in Michael Smoroffs Sichtweise ist eine Hierarchie zu erkennen. Somoroff behält bewusst die Größe der Originalbilder Sanders bei, um deren Integrität zu wahren. Somoroff gelingt der Beweis, dass postmoderne Kunst nicht unverortet ist sondern auf Wurzeln, Tradition und Kontinuität beruht.


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Michael Somoroff’s Absence of Subject is a homage to the legendary photographer August Sander and his monumental work People of the Twentieth Century (Menschen des 20. Jahrhunderts). It is a thoughtful and passionate meditation on memory, imagination, human resilience and creativity.


August Sander, who transformed himself from a conventional studio portraitist into an artist, has been described as the most important German portrait photographer of the early twentieth century. His first book, the collective portrait of German society Face of Our Time (Antlitz der Zeit), was published in 1929 and expanded into his life work, People of the Twentieth Century. Face of Our Time contained a selection of 60 portraits and aimed to show a cross-section of society during the Weimar Republic. Sander, taking a rigorously nonpolitical stance, attempted to create an inclusive photographic survey of all the various occupations, professions and classes that together formed the national social structure in the years directly after World War I. He established categories into which he divided the population and then looked for representative types. The images are thus representations of types, as he intended them to be, rather than portraits of individuals.


Sander’s subjects pose with dignity, for he treated them all with equal respect. Each one of them has a place in the social structure, and together they create a complex picture of a diversified world. His ambitious project is vital to our understanding of the photopraphic medium and set a standard for hauntingly simple perceptions against which other portraits are measured. Sander’s photographic world was based on the concrete detail of his sitter’s lives, visualized in their working environments – the only remaining entity in Somoroff’s body of work.


In each of August Sander’s pictures Michael Somoroff has erased the subject retaining only the background. Seemingly a limited subject matter, here Somoroff has made it limitless without boundaries. By incorporating an ingenious technical approach to both the still photographs and the narrations, Somoroff creates a narrative caught in space and time. Somoroff’s images teach us that Sander’s settings play a larger role in his photographs than we previously might have considered. They enhance our understanding of the environment’s importance to the success of the portraits. For instance, the incongruity of the dandy farmers on a dirt path in an open field focuses our attention on their arrogant expressions and jaunty hats and canes in a way that an urban setting would not.


Far more than a medium such as painting, photography was supposed to contain a certain level of truth. With the invention of photography began the visual cataloging of the world. In recent decades, in particular in this postmodern era, the idea has taken root that truth and reality are ambiguous concepts in photography. Somoroff explores this notion. In contrast to spirit photographers in the nineteenth century who added ghostly figures to photographs in the darkroom as a proof that the departed are still with us, Somoroff confronts loss by creating it. He erases something that is familiar to admirers of Sander’s art. His seeming irreverence might provoke anger, but by offering the comparison between presence and absence, he initiates the experience of loss, something rarely achieved through photographs. Even after the figures have been removed, their presence permeates the picture.


There is no hierarchy in either August Sander’s or Michael Somoroff’s eyes. Somoroff deliberately kept to the scale of Sander’s work to preserve the integrity of Sander’s original photographs. What Somoroff celebrates is to establish that postmodern art isn’t dislocated, but something with roots, tradition and continuity.