Leta Peer Flurs 04.09.2009 — 24.10.2009

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04.09.2009 — 24.10.2009
Leta Peer - Flurs
Leta Peer arbeitet als Malerin unter Einbezug der Fotografie – in einem „klassischen“, vorsichtig die Motive abtastenden Sinne, aber mit einem hohen reflektorischen Anspruch, der auf zeitgenössische Weise Verästelungen zwischen privat und allgemein, Vorstellung und faktischer Realität vornimmt. Mit ihrem Werk thematisiert sie Heimat und Identität und schließlich die Verortung des Individuums in seiner Zivilisation. Biographische Erfahrung wird mit der nüchternen Sicht auf die gegebene Wirklichkeit konfrontiert; bildimmanente Verweise und Stimmungen loten das Verhältnis von Objektivität und Subjektivität weiter aus.
Leta Peers Malereien zeigen seit 2000 fast ausschließlich das Tal im schweizerischen Engadin, in welchem sie mit ihrer Familie aufgewachsen ist. Zu sehen sind Landschaftsausschnitte der Bergkuppen wie auch der Wiesen mit ihrer Vegetation, in wechselnden Einstellungen, teils aus der Untersicht und mit einer malerischen Direktheit, bei der sich die Blumen und die nebelverhangenen Felswände aus der Nähe in sinnliche Pinselstriche auflösen. Indem diese Gemälde mit einer Firnis abgeschlossen sind, wird das komplexe Verhältnis von Anziehung und Distanz, Abbild und räumlicher Erinnerung weiter vertieft.
Leta Peer unterläuft absichtsvoll wesentliche Erwartungen, die gemeinhin an das Medium Malerei gestellt werden. Sie vertraut der Landschaft, die unveränderlich fern von menschlichen Eingriffen gegeben ist, und vermittelt sie doch als fragilen Idealzustand. Zeit ist zwar abwesend, findet aber doch in die Bilder – im Tagesablauf, der Beleuchtung und Witterung – Eingang.
Demgegenüber kennzeichnet die Fotoarbeiten eine rigide Sachlichkeit; sie geben (primär vernutzte) Innenräume wieder, die sich selbst überlassen sind, aber in ihrer Einrichtung noch auf die einstigen Bewohner weisen. – Im Laufe der Jahre hat Leta Peer das Verhältnis zwischen den künstlerischen Medien weiter intensiviert und mit digitalen Maßnahmen einzelne Gemälde in die Räume integriert, eingefügt in einen aufwändigen, mithin historischen Rahmen, als seien sie schon immer hier gewesen. Das Gemälde selbst (mit seiner eigenen Sinnlichkeit und Präsenz) hat Leta Peer im Ausstellungsraum zudem installativ zur Fotoarbeit aufgehängt. Die für sich autonomen Arbeiten gehen eine Einheit ein, bei der sich unterschiedliche Ebenen von Künstlichkeit und Natürlichkeit gegenseitig beleuchten, durchdringen und in Frage stellen.
Dies trifft nun auch auf die neueste Werkgruppe zu. Ausgangspunkt bildete das Heimatmuseum Chasa Jaura im schweizerischen Valchava, das in einem erhaltenen historischen Engadinerhaus zeitgenössische Kunst ausstellt. Hier befindet sich das Münstertal mit den Wiesen von Lü. Während sich Leta Peer diesen Außenraum gezielt für ihre Malerei vornahm, dachte sie zunächst nicht weiter an die Innenräume, die sie in der Zeit ihres Aufenthaltes rein dokumentarisch fotografierte. Erst zwei Jahre später fanden die beiden Bildformen, Techniken, mithin „Welten“ bei Leta Peer zusammen.
Exemplarisch steht die Fotoarbeit Flurs Index 2, die das Gemälde Wiesen von Lü (Index 135) integriert. Zu sehen ist eine Schlafkammer, die karg, reduziert auf das Notwendige bleibt, mit einem Bett und einem Spiegel an einer unregelmäßigen kalkigen Wand. Indes verfügen die Gegenstände über schmückende Zierden, die auf handwerkliche Traditionen und damit erlebte Heimatverbundenheit weisen. Der Rahmen enthält nun also den gemalten Landschaftsausschnitt; in ihn sind Stege eingepasst, die vier quer- bzw. längsoblonge Felder des Bildes separieren.
Wie ein Ausblick in eine andere Welt, auch direkt wie ein Fenster oder ein Spiegel, der einen gegenüber liegenden Blick einfängt, verhält sich nun die Darstellung inmitten der Fläche: mit einem blühenden Feld, in dem violette und weiße Blüten und Gräser aufragen, darüber erhebt sich luzid grau-blauer Himmel.
Der Blick nach Außen strahlt noch in das Innen der Kammer. Der Raum selbst wird mit Leben – Farben, Bewegung – erfüllt, das sich bis auf das Interieur (mit der leicht welligen Decke oder den überkreuzenden Pfosten der Bettkante) überträgt. Erinnerung und Vergegenwärtigung, Innehalten und mentale Aktivität finden zugleich statt.
Die Schweizer Künstlerin Leta Peer leistet mit derartigen Arbeiten, die Ausdruck einer erlebten, konsequenten Spurensuche sind, eine immense Gedächtnisarbeit. Mit konzeptuellem Kalkül, handwerklicher Souveränität und im Vertrauen auf die „einfachen“ Dinge des Lebens, verhilft sie scheinbar verbrauchten Sujets zu eigener Tiefe, Aktualität und schärft für ihre Bewusstwerdung. Auf eindringliche, in der zeitgenössischen Kunst einzigartige Weise geht sie den Dingen, die unsere Welt zusammenhalten, auf den Grund.
(Dr. Thomas Hirsch
Herbert-Weisenburger-Stiftung)

Leta Peer - Flurs
Leta Peer is a painter who also makes use of photography - in a "classical" sense, gently exploring her motifs, but commanding a high level of reflexion which, in a contemporary fashion, interweaves private and communal, imagination and factual reality. With this work she thematises home and identity and eventually the placing of an individual in their civilisation. Biographic experience is confronted with a sober view of the given reality; references and moods inherent in the picture sound out the relationship between objectivity and subjectivity even further.
Since 2000 Leta Peer's paintings have almost exclusively portrayed the Engadin valley in Switzerland where she grew up surrounded by her family. We see landscape extracts, mountain tops, and meadows with their vegetation, from various angles, sometimes seen from below and with a picturesque immediacy where, from up close, the flowers and the rock faces shrouded in mist dissolve into sensual brush strokes. These paintings are sealed with varnish, which further intensifies the complex relationship between attraction and distance, depiction and spatial recollection.
Leta Peer deliberately circumvents some of the essential expectations one generally has of the medium of painting. She trusts the landscape, which exists unvaryingly and beyond the sphere of human intervention, and yet depicts it as a fragile ideal. Time might be absent yet it always finds its way into the paintings - in the daily routines, the lighting, and the weather conditions.
The photographs, on the other hand, are characterised by a rigid objectivity; they generally show time-worn interiors which have been abandoned but which, with their furnishings, still hint at the former occupants. Over the years Leta Peer has intensified the relationship between the artistic media and used digital processing to incorporate individual paintings in the rooms, inserted in an elaborate, at times antiquated frame, as if they had always been there. Leta Peer has hung the painting itself (with is own sensuality and presence) in the exhibition space as a complementary installation. The separately autonomous works become a unity in which the different levels of artificiality and naturalness examine and penetrate each other and call one another into question.
This also applies to the latest group of works. The Chasa Jaura Museum of Local History in the Swiss village of Valchava, which shows contemporary art in a historical Engadin house, is the point of departure. Here we find the Münstertal valley with the Lü meadows. Whilst Leta Peer specifically chose the exterior space for her paintings, she initially did not consider the interior spaces, which she merely documented photographically during her stay. It was not until two years later that the two kinds of images, techniques, at times "worlds", came together for Leta Peer.
An example is the photographic work Flurs Index 2, in which she has integrated the painting Wiesen bei Lü GF Index 100- the meadows of Lü. It shows a small bedroom, austere and only furnished with the bare necessities, with a bed and a mirror on the uneven, whitewashed wall. The adornments on the items reveal traditional workmanship and witness the attachment to the native soil. The frame encloses the painted extract of the landscape; bars have been fitted into the frame, separating the painting into four transverse or longitudinal oblong sections.
The depiction in this space acts like an outlook into a different world, as direct as a window or a mirror: with a field in bloom, where violet and white flowers and grass grow tall, above them a clear grey-blue sky.
The view outside reflects back into the small chamber. The room itself is filled with life - colour, movement - which spreads to the interior (with its slightly wavy blanket or the intersecting beams of the edge of the bed). Memory and realisation, pausing and mental activity occur simultaneously.
With works of this kind, the expression of a conscious, systematic exploration, the Swiss artist Leta Peer accomplishes an enormous act of remembrance. Combining conceptual appraisal, craftsmanship, and her trust in the "simple" things in life she gives seemingly worn-out subjects a depth and a topicality and makes us more aware of them. In a haunting fashion, one unique in contemporary art, she gets to the bottom of those things which hold our world together.
(Dr. Thomas Hirsch
Herbert-Weisenburger-Stiftung, Rastatt/Germany)